Schumann und der Wahnsinn

Ein Liederabend findet in einem Konzertsaal statt, bei warmer Beleuchtung, intimer Stimmung und ein Sänger steht in der Mulde des Flügels und rezitiert von dort seine Lieder. Für die Zuhörer werden die Texte zu einer Geschichte und durch die Interpretation der Musiker erwachen sie zum Leben.
In wie weit ist das heut zu Tage noch möglich, in einer reizüberfluteten Welt, in der man sich vom Fernsehprogramm berieseln lassen kann und im Kino auf einer riesigen Leinwand und in Dolby-Digital nicht nur die ganz Welt, sondern sogar das ganze Universum vorgeführt bekommt? Wer kann noch aus dem Stehgreif Gedichte von Eichendorff, Kerner oder Hebbel auswendig rezitieren? – Ein Fluch?

Was hätten die Komponisten vor 200 Jahren gemacht, wenn sie ein Kino im heutigen Sinne und all die anderen Medialen Möglichkeiten gehabt hätten? Wie hätten sie komponiert? Wie hätten die Konzerte ausgesehen? Hätten sie nicht die Möglichkeit, mit einem farbigen Scheinwerfer eine Atmosphäre zu schaffen, die ihre Interpretation der Texte unterstreicht, ausgenutzt? Die Winterreise wird zum inszenierten großen Bühnenwerk. – Ein Segen, was für Mittel uns zur Verfügung stehen?
Dieser Liederabend ist ein Abend über den Komponisten Robert Schumann, der sich in seinen letzten Jahren von Geistern umgeben wähnte, die ihm teils „wundervolle“ teils „gräßliche“ Musik darboten, wie Clara notierte: seine Werke erklingen in seinem Kopf, teils klar und schön, teils wirr und unverständlich, teils direkt vor Augen, teils kaum zu fassen. Die Grenzen zwischen seinem Genie und der Krankheit sind fließend; sprunghaft und zusammenhanglos tauchen neue Ideen und neue Musik auf oder verschwinden ganz plötzlich.

Im November 2007 kam dieses Projekt erstmals in der Tiefgarage der Hochschule für Musik und Theater Hannover mit großem Erfolg zur Aufführung. Diese ausgefallene Mischform aus Liederabend, Theater, Neuer Musik, Installation und psychologischer Studie sorgt dafür, dass alle Sinne des Publikums angesprochen werden. Licht, Elektronik und ein etwas anderer Konzertort unterstützen die Interpretation. Zwar ändern die Sänger in diesem Rahmen ihre Positionen und interagieren in stärkerem Maße, doch ist es keinesfalls eine Oper. Die Form des Liederabends wird nicht gesprengt, sondern erweitert. So wird das Publikum Teil eines kreativen Prozesses.

Musikalisch orientiert sich der Liederabend an dem „Liederkreis“ op.39 nach Joseph von Eichendorff und den „Geistervariationen“. Dies wird allerdings von kompositorischen Eingriffen, elektronischen Manipulationen und gelesenen Tagebucheinträgen Schumanns durchbrochen. Die szenische Entwicklung zielt nicht auf eine Einzelinterpretation der Lieder und Duette, sondern soll einen Bogen spannen, der den Seelenzustand des Komponisten widerspiegelt.

Dies ist ein einzigartiges Konzept für einen Liederabend der Atmosphäre schafft: 2 Sänger, ein Pianist ein Komponist und die Stimme Robert Schumanns in einer für Konzerte ungewöhnlichen Umgebung lassen die Welt aus der Perspektive eines Schizophrenen erfahren. Der Schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn, die Omnipräsenz von Kreativität, die ihn einerseits zu phantastischen Leistungen antrieb, unter der er aber auch litt und die ihn schließlich in den Wahnsinn trieb.

Wir sind stets auf der Suche nach ungewöhnlichen, Konzert-untypischen Aufführungsorten und interessierten Veranstaltern. Sei es eine Tiefgarage – wie auf den nebenstehenden Bildern -, ein Fabrikgebäude, eine Schleuse, ein altes Hallenbad, die Katakomben unter einer Stadt – wir sind für alle Ideen offen und freuen uns über Ideen und Interesse!

Dorothee Velten – Sopran
Goetz Phillip Körner – Tenor
Christian Zimmer – Klavier
David Borges – Komposition und Elektronik

Lesen Sie das Programm von der Uraufführung am 21.01.2007 (PDF)